Dienstag, 16. August 2011

Die neue Assistentin

Teil 1

Da war sie endlich – meine neue Assistentin. Steht mir als Abteilungsleiter ja auch schließlich zu. Mein großer Chef hat sie eingestellt und meiner Abteilung zugeteilt. Schüchtern steht sie in der Tür, hoch gewachsen, lange Beine, hochgestecktes streng nach hinten geordnetes Haar und eine schwarze Brille und sehr jung. Na ja, hat ja gerade erst ausgelernt, soll eine der Besten in ihrem Jahrgang gewesen sein, die Lara – mal sehen.

Ich bitte sie herein und wir setzen uns in die schweren Ledersessel in der Besprechungsecke. Den Kaffee, den ich anbiete, wird sie ab sofort dann selbst kochen müssen (schon mal eine Arbeit weniger).

Lara schlägt ihre langen Beine übereinander und blickt mir erwartungsvoll in die Augen. Während des einleitenden Smalltalks habe ich immer mehr das Gefühl, dass die relativ prüde wirkende Fassade wirklich nur Fassade sein kann. Dahinter verbirgt sich mehr. Das verraten ihre Augen, die nicht nur Neugier ausstrahlen. Eine gewisse Begierde in ihrem Blick ist nicht zu leugnen. Muss noch geklärt werden, in welche Richtung die Begierde existiert.

Dann weise ich sie in ihre Arbeitsaufgaben ein, diese Zeit habe ich mir heute genommen. Sie lauscht sehr aufmerksam und ist voll bei der Sache. Sollte das die Begierde in ihrem Blick sein?

Ich ziehe eine Unterlage aus dem obersten Fach des Aktenschranks, um sie mit dem Ablagesystem vertraut zu machen. Lara bückt sich neben mir, um einen Blick in das untere Regalfach zu werfen. Ich kann es nicht vermeiden, dass sich meine Augen in ihren Ausschnitt verirren. Diese jugendlichen Knospen sind schon richtige Früchte. Aus dieser Perspektive sieht das Ganze wesentlich verlockender aus, als im Ledersessel.

Vor lauter Aufregung rutscht mir die Unterlage aus der Hand. Spontan greifen wir beide nach dem gleichen Ziel, stoßen dadurch leicht mit den Köpfen zusammen. Kniend blicken wir uns entschuldigend in die Augen. Der Blick vertieft sich, die Unterlage ist schon zur absoluten Nebensache geworden. Und da flackert es wieder auf, diese Begierde in ihren Augen. Sie nimmt mit ihren anmutigen grazilen Händen ihre Brille ab, nähert sich mir und leckt sich provokativ mit ihrer feuchten Zunge über ihre tadellosen Lippen. Sie kommt mir immer näher und schließt langsam ihre Augen, während sie den Mund leicht öffnet.

Ich glaube nicht, dass ich jetzt ausweichen werde. Auch gerade deswegen nicht, weil sich in meiner Hose eine zunehmende Spannung bemerkbar macht. Ich kann nur noch denken, dass diese Spannung nicht von der knienden Stellung kommen kann – schon spüre ich ihre Zunge in meinem Mund.


Teil 2

Sanft schiebe ich sie zurück. Irgendetwas in mir sagt, dass es nicht sein soll – zumindest nicht jetzt. Sie schaut mich fragend an.
Als ob ich nichts Besseres zu tun habe, erkläre ich ihr anhand der mittlerweile auf dem Tisch liegenden Akte das Ablagesystem. Sie lauscht aufmerksam und hat sogar Vorschläge, die zu Verbesserungen führen können. Soll sie machen, sage ich.

Nach einigen Tagen, in denen Lara sich sehr gut einarbeitet, zeige ich ihr das Aktenarchiv. Wir sind dort ganz allein. Ihr Blick verrät eine gewisse Erwartung. Ich bin stur und reagiere nicht darauf. Der ganze Arbeitsstress in den letzten Tagen hat mir offensichtlich jegliches erotische Gefühl genommen. Außerdem ist heute noch diese dämliche Betriebsfeier mit Angehörigen, wo ich absolut keine Lust habe so allein teilzunehmen. Also frage ich sie, ob wir nicht auch am späten Nachmittag im Archiv wühlen wollen. Geht nicht. Sie hat ihre Mutter zur Feier eingeladen, einen Vater gibt es nicht mehr, der Schlums ist davongelaufen, als Lara gerade zwei war.
Nun gut, werde ich auch mal hingehen.

Mit etwas Abstand betrachtet, war das eine weise Entscheidung. Das übliche Blabla mit den Kollegen beim gepflegten Pils wird jäh auf eine höhere Qualitätsstufe gehoben, als Laras Mutter eintrifft – zumindest für mich. Renate ist eine Jugendfreundin von mir. Sofort fange ich an zu rechnen: wie alt ist Lara, wann war ich mit Renate zusammen? Nein, kann nicht sein! Lara ist später geboren.
Warum sind wir damals nicht zusammengeblieben? Wegen der Scheiß-Arbeit. Ich wollte unbedingt den Zeitjob im Ausland annehmen, wäre ja nur für ein Jahr gewesen, wurden dann aber drei. So haben wir uns aus den Augen verloren – schade. Wenn ich sie so sehe, kommen alte Erinnerungen wieder in mir hoch. Damals in der baufälligen Scheune im Heu. Sie musste ständig niesen. Hat uns aber absolut nicht gestört, war richtig Klasse.

Jetzt steht Renate vor mir, Lara stellt uns vor. Renate und ich schauen uns lange in die Augen. Ich höre den Lärm der Betriebsfeier nicht mehr, sehe auch nichts anderes als sie. Entgegen meiner natürlichen Art bin ich sprachlos, weiß nichts zu sagen. Sie bricht das Schweigen. Von ihrer fröhlichen, aufgeschlossenen Mentalität hat sie nichts verloren. Und ich denke, endlich mal was richtig gemacht in diesem Leben, nicht mit Lara eingelassen.
Wir haben dann alle einen wunderschönen Abend verbracht. Eine solche schöne Betriebsfeier habe ich noch nie erlebt. Beim Abschied lädt sie mich  zum Essen ein – sie ist sicher noch eine hervorragende Köchin. Der Termin ist irgendwann im November. Ich habe ihn mir wegen der ganzen Aufregung nicht gemerkt, muss mal Lara danach fragen, sie wohnt ja noch bei ihrer Mutter. Jedenfalls freue ich mich sehr auf diesen Tag.

PS:
Liebe Leser. Wenn ihr hier eine der üblichen Fick- und Blasgeschichten erwartet habt, muss ich euch heute leider enttäuschen. Aber warum soll ich etwas erfinden, wo es sich hier um tiefere Gefühle handelt. Ob etwas daraus wird, ob sie oder ich es auch wirklich wollen, sei dahin gestellt. Die Zeit wird eine Antwort darauf geben. Gerne will ich hier darüber schreiben.